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”Die Eisschlange” 01
 

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Kapitel 1

 

Mit einem kurzen Nicken verabschiedete sich der junge Haruka von seinem Mentor und umfaßte den Speer, den er in der Rechten trug, etwas fester. Dies war es nun: Seine Prüfung, die einerseits zeigen würde, daß er ein Mann war - doch andererseits auch ein Beweis dafür war, daß er sich als Schamane eignete. Diese Prüfung gab es schon seit vielen Generationen ... und alle Schamanen mußten sie ablegen, um zu zeigen, daß sie der Ehre ihrer Aufgabe auch würdig waren.

Es galt, nicht nur seine Ausdauer und sein Geschick bei der Jagd zu beweisen, wie es bei der Prüfung eines anderen Jünglings der Fall gewesen wäre ... als Schamane mußte Haruka auch zeigen, daß er mit den Geistern der Erde, der Lüfte und der anderen Elemente eins war, daß er sie achtete und auch ihre Kraft dazu nutzen konnte, zu überleben.

"Mögen die Geister der Schamanen, die vor dir kamen, mit dir sein, mein Junge ... ich vertraue auf dich, du wirst es schaffen."

Die Worte des vom Alter gebeugten Schamanen ließen Haruka sacht lächeln und er neigte respektvoll den Blick, ehe er sich umdrehte und aus der Schamanen- in die große Wohnhöhle ging, um am Ausgang kurz innezuhalten. Sein Blick suchte einen bestimmten, jungen Mann, der einige Tage vor ihm die Prüfung zum Krieger abgelegt hatte ... doch er konnte Amat nicht sehen und seufzte innerlich, als er sich damit abfand, mit einem Lächeln zum Ausgang blickte und aufbrach, mit nichts weiter als seinen weißen Lederhosen und dem ebenso weißen Lederhemd und Fellschuhen bekleidet, als einzige Waffen sein Speer und ein Dolch, den er an den Oberschenkel gebunden hatte. Sonst nahm er nichts mit sich mit – nur ein Horn mit Glut, das gut verschlossen an seiner Hüfte baumelte und seine einzige Hilfe gegen die Winterkälte war, die ihn bald umschließen würde.

Die freudigen und wohlwollenden Rufe seines Stammes begleiteten Haruka ... er fühlte die Freude der Frauen und Männer, die ihm vertrauten und darauf hofften, daß er bald als Schamane wiederkam, denn der jetzige Schamane war schon alt und sie alle wußten, daß er den nächsten Winter nicht mehr erleben würde. Gerade deshalb war es auch wichtig, daß der junge Mann diese Prüfung bestand – nicht nur deshalb, damit er ein weiterer Krieger und Jäger wäre, um den Stamm zu beschützen und zu ernähren, sondern auch deshalb, um die Nachfolge seines Mentors anzutreten. Eine Verantwortung, der sich der junge Schamane sehr wohl bewußt war, doch er nahm sie freudig an und lächelte, als er über die kleine Klippe sprang, die am Rand der Wohnhöhlen lag.

Die weiten Schritte seiner langen Beine trugen Haruka schon bald aus der Sichtweite der großen Wohnhöhlen seines Stammes und nach einer Weile hörte er nicht einmal mehr deren Rufe ... ihn umgaben nur noch vereinzelte, kleine Wäldchen an den Seiten und der weiße, feine Schnee, der vor zwei Nächten gefallen war und leise unter seinen Fellschuhen knisterte. Das Licht der Morgensonne ließ ihn hell aufleuchten und Haruka blieb einen Moment lang stehen, um diese majestätische Schönheit zu bewundern ... erst nach einer Weile fühlte er etwas und erschrak, als sich starke Arme von hinten um ihn schlossen und an eine ebenso starke Brust zogen. Mit einem leisen, freudigen Seufzer schloß Haruka die Augen und entspannte sich ... der warme Atem, der in seinen Nacken wehte, war ebenso vertraut wie der kräftige Körper, der ihn umfing.

"Amat ... ich dachte schon, du hättest mich vergessen ..." Der junge Krieger hinter ihm schnaubte nur leise und seine Arme umfingen Haruka noch ein wenig fester, ehe die vom eisigen Wind harschen Lippen des Kriegers über den Hals zum Nacken des nur ein wenig schlankeren Schamanen wanderten und leise Worte zu ihm wehten.

"Nichts hätte mich davon abhalten können, dich zu verabschieden, Haru ... ich wollte es nur nicht bei der Höhle tun, wo uns Jeder sehen kann, sondern hier, wo wir alleine sind."

Diese leisen Worte ließen Haruka leicht erschauern ... sie waren ruhig und zeigten unmißverständlich, wie ernst Amat sie meinte. Verbindungen zwischen Kriegern waren eher selten, doch es gab sie ... und gerade die Schamanen gingen oft eine Verbindung mit einem Krieger ein, da sie dadurch auch den Schutz und das Glück für die Jagd stärkten. Haruka erging es nicht anders als seinen Vorgängern ... schon als Kind hatte er die leisen, liebevollen Stimmen der Geister gehört und als er heranwuchs, bemerkte er rasch, daß ihn nicht die jungen Mädchen des Stammes, sondern eher die Jungen, mit denen er spielte, interessierten.

Die Nähe seines Geliebten sorgte dafür, daß Haruka sich fühlbar entspannte; nur langsam drehte er sich in dem festen Griff und blickte dem ein wenig größeren Krieger in die nußbraunen Augen, lächelte und küßte ihn schließlich zärtlich, ehe er leise an die so verlockenden Lippen wisperte.

"Nicht mehr lange ... wenn ich zurückkehre und der alte Schamane mir die Krieger- und Schamanenweihe gibt, können wir endlich ..."

"... auch vor den Geistern ein Paar werden, ich weiß. Ich wünschte, es hätte schon eher sein können – doch nun ist es bald soweit."

Die feste Stimme Amats ließ den angehenden Schamanen noch tiefer lächeln und der ernste, sichere Blick war die letzte Gewißheit, die er noch brauchte. Amat vertraute ihm – und allein schon für dieses Vertrauen würde Haruka alle Prüfungen bestehen, die ihn erwarteten. Doch es wurde langsam Zeit und sie wußten Beide, daß sie von einander Abschied nehmen mußten, und so küßte Amat die Lippen seines Geliebten ein letztes Mal, ehe er sich von ihm löste und umdrehte, seinen Speer aufnahm und ohne ein weiteres Wort zurück zu den Wohnhöhlen lief.

Haruka sah ihm noch ein wenig nach und bewunderte die Stärke und Härte seines Geliebten ... erst dann drehte er sich um und lief weiter, denn es lag noch ein langer Weg vor ihm. Als eine freundliche Brise ihn von hinten ein wenig anschob und das Laufen so ein wenig erleichterte, huschte jedoch ein Lächeln auf seine Lippen und der lange Weg fiel ihm nun ein wenig leichter.

Wie alle seines Stammes konnte auch der junge Schamane lange Strecken ohne Probleme durchlaufen - es war eine Notwendigkeit, diese Kondition zu besitzen, denn die Herden, die sie jagten, waren oftmals weit entfernt, damit sie das Wild in der Nähe der Wohnhöhlen nicht zu sehr dezimierten.

Haruka lief, so lange sein Atem reichte ... erst am Nachmittag legte er eine Rast ein und erjagte sich im nahen Wald ein Kaninchen, dankte den Geistern für ihre Gunst und aß es roh, da es hier keine geschützte Möglichkeit gab, ein Feuer zu entfachen.

Ein Blick in den Himmel zeigte Haruka, daß die Winternacht bald hereinbrechen würde; gerade hier im Norden wurde es im Winter schnell dunkel und er mußte bis dahin eine geschützte Zuflucht gefunden haben. Ein wenig nachdenklicher werdend, blickte der junge Schamane sich um und verengte die dunklen Augen ... die freundliche Brise umwehte ihn noch immer und sanft, doch stetig, weiter Richtung Norden.

Nun doch ein wenig verblüfft, schloß Haruka die Augen und öffnete sein Inneres der sanften Kraft der Brise, wie er es gelernt hatte, entspannte sich und lieh ihr sein inneres Auge. Und tatsächlich ... außerhalb seiner Sichtweite, noch einige Stunden Lauf entfernt, erwuchs aus dem Schnee ein ihm bisher unbekannter Ausläufer eines kleinen, unter Schnee und Eisgletschern begrabenen Gebirges. Die freundliche Brise zeigte ihm auch einige Höhlen, die in diesem Ausläufer lagen und ihm Schutz bieten konnten ... und vielleicht auch die Möglichkeit, durch das geforderte Erlegen eines Raubtieres seine Schamanen- und Mannesprüfung zu bestehen.

Sich bei der Brise bedankend, kehrte Haruka wieder in seinen Körper zurück und machte sich auf den Weg, um diese Höhlen zu erreichen ... er hatte noch eine weite Strecke vor sich, doch er wußte, daß dies ein Teil seiner Prüfung war und er war tief entschlossen, sie zu meistern.

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