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”Der Eisriese Irtahir” 04
 

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Kapitel 4

 

 

Nach einer Weile atmete der große Kelte wieder tief durch ... er war sichtlich aufgewühlt, strich sich kurz über das Gesicht und ließ noch einige Momente verstreichen, ehe er wieder weitersprach.

 

"Ich weiß nicht, wie lange ich schlief ... es können Tage oder auch nur wenige Momente gewesen sein. Ich wurde allerdings nicht von alleine wach, es war das Schnuppern Irtahirs, das mich weckte. Er roch ein weiteres Mal an mir, an meinem Hals ... er sog meinen Geruch regelrecht in seine Lungen, ehe er mir hörbar genießend und unerwartet sanft den Schweiß aus den Halsbeugen leckte. Es war so neu und unerwartet ... wie alles, das zuvor geschehen war.

 

Doch es fühlte sich so gut an, daß ich mich wieder entspannte und sogar wohlig seufzte, weil es sich so angenehm anfühlte. Es war auch herrlich warm ... nach all der harschen, klirrenden Kälte fühlte es sich wunderbar an, in den weichen Fellen zu liegen und seinen warmen, kraftvollen Körper neben mir zu fühlen. Auch wenn ich nun doppelt so viele Jahre zähle wie damals, ich kann mich noch so deutlich daran erinnern, als wäre es erst Gestern passiert."

 

Mit einem kurzen, harten Lächeln unterbrach Lairan sich selbst und trank noch einen Schluck Wein aus dem Weinschlauch des Fremden ... sammelte dabei erneut seine Gedanken und gab den Schlauch dann wieder zurück, um weiterzuerzählen.

 

"So wild er auch zuvor gewesen war, so sanft schien er jetzt ... seine Krallen verletzten mich ebenso wenig wie seine langen Reißzähne, er genoß es, mich zu berühren und ich war so erschöpft, daß ich mich nicht wehrte, sondern seinen Berührungen nachgab und es ebenfalls genoß.

 

Erst nach einer Weile hörte er auf und nahm von der Seite eine Wasserschale und daraus ein feuchtes Stück Leder, um mich von seinem Samen zu säubern, ehe er sich selbst säuberte und die Schale danach wieder zur Seite stellte. Ich wußte nicht, was ich nun erwarten sollte und so schwieg ich, betrachtete sein hartes Gesicht und auch diese pupillenlosen, völlig blauen Augen. Irgendwie verstärkte sich mein Eindruck, daß er mich an einen Schneetiger erinnerte ... auch wenn dies nicht sein konnte. Schließlich senkte ich meinen Blick und erschrak, als er leise zu mir sprach. Seine Stimme war so dunkel, wie man es bei seiner Größe erwarten konnte – doch ich hatte nicht damit gerechnet, daß sie so weich war und er dabei so weich grollte, daß es sich fast wie ein Schnurren anhörte."

 

Mit diesen Worten verstummte Lairan, da er diese Momente noch einmal durchlebte ... dieses weiche Grollen, das man auch an der breiten Brust des Eisriesenkönigs spüren konnte und die dunkle Stimme, die wie ein weiches Streicheln über den Körper des jungen Kriegers rollte.

 

"Er fragte mich nach meinem Namen ... er wollte wissen, wie der junge Krieger hieß, der es bis in seine Festung geschafft hatte. Und ich nannte ihm meinen Namen - ich konnte es nicht verhindern, selbst wenn ich es gewollt hätte."

 

Dieses Geständnis bedeutete Lairan sehr viel - er verstummte, blickte in das Feuer und achtete nicht mehr auf den beißenden, kalten Wind, der durch das Lager heulte. Nur langsam erwachte wieder ein leichtes Lächeln auf seinen Lippen, als er schließlich weitererzählte.

 

"Der Eisriesenkönig betrachtete mich noch eine Weile, nachdem er meinen Namen erfahren hatte ... schließlich nickte er und kam wieder näher, betrachete mein Gesicht und fragte mich, welchem Volk ich entstammte, da meine dunklen Haare hier im Norden nicht üblich wären. Es verblüffte mich ein wenig – doch ich antwortete ihm, erzählte ihm von meinem Volk und er hörte mir geduldig zu, interessierter, als ich es erwartet hatte. So, wie es aussah, kannte er das Volk, dem ich entstamme, nicht ... er erzählte mir, daß seit vielen Sommern Niemand mehr so hoch in den Norden bis zu seiner Festung gekommen wäre und die Letzten wären blonde Nordmänner gewesen. Es war so unwirklich ... ich lag neben dem gefürchteten Eisriesenkönig in einem breiten, fellbedeckten Bett und hörte ihm zu, wie er mir von der Mutter seines Sohnes erzählte und auch darüber, daß sein Sohn gern mit den Menschen spielte und sie in den Tod lockte. Ich hingegen erzählte ihm davon, daß die Legenden davon berichteten, daß Atara die Krieger zu ihm führen würde, damit er und seine Eisriesen sie fressen konnten.

 

Dies brachte ihn zum Lachen - er lachte so laut, daß es in den Hallen und Gängen widerhallte und die Eiszapfen zum Klingen brachte. Denn es ist nicht so, wie es in den Legenden heißt – die meisten Krieger sterben schon im Eis, ehe sie die Festung erreichen."

 

All dies interessierte den Fremden sehr, da er solche Geschichten sammelte ... und er war es auch, der den großen Kelten nach der Frau fragte, die es schaffte, Irtahir zum Mann zu bekommen. Lairan hob nur eine Braue – dann nickte er und blickte wieder zurück in das Feuer, als er weitererzählte.

 

"Ihr kennt sicher alle die Sage über den Nordwind ... den Mann mit den weißen Rabenschwingen, der die Winterstürme bringt. Sie war seine Zwillingsschwester, eine Frau mit weißblauem Haar, wunderschön und mächtig, und auch sie besaß diese weißen Rabenschwingen. Irtahir formte ein Abbild von ihr aus dem Eis, um sie mir zu zeigen – es entstand direkt vor meinen Augen neben dem Bett, während der König mir von ihr erzählte. Sie war nur eine Nacht bei ihm, um sich schwängern zu lassen – dann verschwand sie für einige Jahre, ehe sie wiederkam, ihm seinen Sohn brachte und bei ihm zurückließ. Er zog ihn auf, aber er ließ Atara seinen Willen, während er sich um seine Kämpfe und Kriege kümmerte.

 

Dann ließ Irtahir die Eisfigur wieder verschwinden – ich merkte, daß er nicht gern ausführlicher darüber redete, er wandte sich lieber wieder mir zu und streichelte ein weiteres Mal über meinen Körper. Ich wußte, daß es geschah, um mich abzulenken – doch es funktionierte, ich vergaß meine Fragen und schloß die Augen, um zu genießen."

 

Die Flammen des Feuers brannten langsam niedriger ... auf ein Nicken eines der Alten stand Luhil auf und holte mehr Holz, warf einige Scheite ins Feuer und legte den Rest an der Seite bereit, um sie nach und nach zu verfeuern.

 

"Und was geschah weiter, Lairan ?"

 

Der junge Krieger wagte es, leise zu fragen ... all dies kam ihm so unwirklich vor, doch er mußte passiert sein, da der große Kelte bisher noch nie gelogen hatte.

 

"Es ging noch eine Weile so weiter ... er schien es auszukosten, einfach nur ruhig dazuliegen und mich zu berühren, auch wenn er mir nicht erlaubte, ihn zu berühren. Erst, als das Licht der Sonne ein wenig weitergewandert war und nun das Bett erhellte, stand er auf, warf mir wortlos meine Kleidung und Rüstung zu und zog seine eigene Kleidung wieder an.

 

Ich merkte, daß seine Stimmung wieder kühler wurde und beeilte mich, die Fetzen meiner Kleidung und so gut es mir möglich war, meine zerschlagene Rüstung überzuziehen. Als ich schließlich fertig wurde, nickte Irtahir nur hart, packte mich und zog mich hinter sich durch die Gänge seines Schlosses, bis wir im Hof ankamen und er laut nach den übrigen Eisriesen brüllte. Sie kamen sofort und holten seinen von zwei Eisschlangen gezogenen Schlitten – noch nie hatte ich diese Tiere gesehen, nur die Legenden über sie gehört und schluckte schwer, da sie so gewaltig waren. Mindestens viermal so lang, wie ich groß bin und der fellbedeckte Leib so dick, wie es mein Brustkorb ist. Und ihre Kiefer waren so lang wie mein Arm, bewehrt mit langen, gifttriefenden Fängen ... aber sie kuschten, als Irtahir knurrte, schmiegten sich an seine harte Hand und warteten ruhig, daß er mich in den Schlitten hob und nach mir einstieg.

 

Ich wußte nicht, was er vorhatte – doch ich ahnte, daß er mit mir durch den Schnee fahren wollte, hielt mich fest und biß die Zähne zusammen, als Irtahir mit den ledernen Zügeln schnalzte und die beiden Eisschlangen damit begannen, den Schlitten zu ziehen.

 

Ich hätte nicht gedacht, daß das möglich ist – doch die beiden Schlangen zogen den Schlitten mit einer Leichtigkeit durch den Schnee, daß man meinen konnte, er würde nichts wiegen."

 

Alleine die Erinnerung daran ließ eine Gänsehaut auf den Armen Lairans erwachen und er rieb sie sich kurz, während er nachdachte ... dann legte er die Arme wieder auf seine Knie und erzählte weiter, als ob nichts geschehen wäre.

 

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